Ungewollte Kinderlosigkeit & Behandlungsmöglichkeiten beim Mann

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,
der Patient kann nicht automatisch erwarten, dass er immer nach dem aktuellstem und dem best abgesicherten Stand informiert wird; denn in über 4000 medizinischen Fachzeitschriften werden eine Unzahl von Studien veröffentlicht. Auch der engagierteste Arzt kann die neuen Artikel nicht annähernd lesen, verarbeiten und in ihrer Qualität beurteilen.
Zur Bewertung wurden „Evidenzklassen“ geschaffen, wobei Klasse Ia die Klasse mit dem am besten gesicherten Wissen ist. Je weiter man sich von Klasse I entfernt (z.B. Klasse III), desto unsicherer ist die Information. Das bedeutet nicht, dass die Information falsch ist, sondern sie ist eben nicht ausreichend untersucht: Falls sicher ist, dass zu einer medizinischen Frage keine Klasse – I – Evidenz vorhanden ist, ist dies auch ein wichtiger Erkenntnisgewinn: Die Aussage ist weniger sicher, eine hochwertige Studie kann die Aussage verändern oder gar ins Gegenteil verkehren. Ist andererseits Klasse Ia vorhanden, so wird es Zeit, die eigenen abweichenden Vorstellungen & Meinungen zu überprüfen.

Anforderungen an Informationsmaterial: – Klare Aussage, wie zuverlässig untersucht die Aussagen sind!

Das Topwissen zu männlicher Subfertilität

Bei den Männern kann der Eindruck aufkommen, dass sie bei der Behandlung der ungewollten Kinderlosigkeit zu wenig beachtet werden oder gar eine Nebenrolle einnehmen.

Aber wir können Ihnen versichern, dass wir sehr genau die Weltliteratur durchgesehen haben, um Ihnen zuverlässig sagen zu können, diese oder jene Behandlung bringt einen bewiesenen Nutzen für den Mann mit Problemen der Fruchtbarkeit und / oder des Sexuallebens.


Und das sind die zusammengefassten Ergebnisse
:

  • Jedes Medikament und jede Maßnahme (z.B. Akupunktur, Kräuter etc) müssen bewiesenermaßen zu einer Erhöhung der Schwangerschaften oder Geburten führen.
    Eine Zunahme der Zahl der Samenzellen, oder der Beweglichkeit reicht nicht aus und dient dem Patienten nicht.
  • Die Zahlen zur Häufigkeit der männlichen Faktoren bei ungewollter Kinderlosigkeit sind wenig zuverlässig. Die Ursachen sind nur in ganz wenigen Fällen zu beweisen.
  • Der Beweis, dass die verschiedenen Behandlungen der männlichen Subfertilität zu einer erhöhten Schwangerschaftschance führen, steht seit über 40 Jahren aus.
    Dass er je erbracht wird, ist statistisch gesehen unwahrscheinlich.
  • Wirkung in kontrollierten Studien finden wir nur für die Inseminationsbehandlung, die in-vitro-Fertilisation und für ICSI. Das bedeutet, wenn eine dieser Methoden angewandt wird, hat das Paar gegenüber Zuwarten eine höhere Chance auf eine Schwangerschaft.

Für medikamentöse Ansätze ist die Datenlage sehr begrenzt. Für viele Behandlungen ist auszuschließen, dass sie je eine bessere Wirkung erzielen werden als Placebo („Tabletten ohne Wirkstoff, Scheinmedikament“).

Bei der Durchsuchung der großen medizinischen Datenbanken stellt man fest, dass in der Cochrane Library (http://www.cochranelibrary.com/) keine neuen Projekte zu diesem Thema geplant sind und die älteren Arbeiten zurückgezogen wurden (1-4).

Was sagt das beste Wissen (die beste Evidenz) zur Behandlung der männlichen Ursachen der Kinderlosigkeit?

  • Nichts spricht dafür, dass Medikamente beim Mann zu mehr Schwangerschaften führen.
  • Wir finden keine ausreichenden Beweise, dass Medikamente beim Mann, beim idiopathischen OAT Syndrom (= häufigste Form der Zeugungsbeeinträchtigung; unklare Ursache von zu wenig Samenzellen, eingeschränkter Beweglichkeit und vermehrter Fehlformen der Samenzellen), zu einer Erhöhung der Schwangerschaftserfolge gegeüber Nichtbehandeln führen. Nebenwirkungen und Schäden sind bei allen Medikamenten möglich.
  • Die Operation von Krampfadern am Hoden (Varicocelenoperation) führt sicher nicht zu einer deutlichen Steigerung der Anzahl an Schwangerschaften oder Geburten. Evers 2003 (5): “ Es sind höchstens kleine Unterschiede bei ganz speziellen Patienten denkbar und statistisch noch möglich.
  • Zur Erhöhung der Chancen sind entweder die Inseminationsbehandlung, die in-vitro-Fertilisation oder die ICSI (Mikroinsemination) geeignet.
  • „Probleme mit der Lust“ (erektile Dysfunktion) dürfen ausgesprochen werden. Die Ursache kann unklar bleiben oder an anderen Erkrankungen wie Diabetes (Zuckerkrankheit) oder Depression liegen.
    Für Probleme in der Sexualität gibt es Teste (Test auf erektile Dysfunktion, Stimmungstest) und zusätzliche Blutuntersuchungen. Trauen Sie sich, fragen Sie nach, es geht um Ihre Lebensqualität.

Unser Rat kann nur lauten: Fragen Sie bei jeder Behandlung, die Ihnen angeboten wird, nach: „Bitte nennen Sie mir die Beweise, dass durch diese Behandlung die Chancen erhöht werden, und zwar die Chancen auf ein Kind!“
Quellen:
1 Vandekerckhove P, Lilford R, Vail A, Hughes E. Androgens versus placebo or no treatment for idiopathic oligo/asthenospermia (Cochrane Review). In: The Cochrane Library , Issue 2, 2003. Oxford: Update Software.
2 Vandekerckhove P, Lilford R, Vail A, Hughes E. Bromocriptine for idiopathic oligo/asthenospermia (Cochrane Review). In: The Cochrane Library , Issue 2, 2003. Oxford: Update Software.
3 Vandekerckhove P, Lilford R, Vail A, Hughes E. Clomiphene or tamoxifen for idiopathic oligo/asthenospermia (Cochrane Review). In: The Cochrane Library , Issue 2, 2003. Oxford: Update Software.
4 Vandekerckhove P, Lilford R, Vail A, Hughes E. Kinin-enhancing drugs for unexplained subfertility in men (Cochrane Review). In: The Cochrane Library, Issue 2, 2003. Oxford: Update Software.
5
CG 11 Fertility: assessment and treatment for people with fertility problems. National Collaborating Centre for Women’s and Children’s Health. Commissioned by the National Institute for Clinical Excellence. February 2004    Update 2013
Farquhar C, Rishworth JR, Brown J, Nelen WLDM, Marjoribanks J. Assisted reproductive technology: an overview of Cochrane Reviews. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 7. Art. No.: CD010537
6 Bensdorp AJ, Cohlen BJ, Heineman MJ, Vandekerckhove P.
Intra-uterine insemination for male subfertility. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 4. Art. No.: CD000360.
7 Showell MG, Mackenzie-Proctor R, Brown J, Yazdani A, Stankiewicz MT, Hart RJ. Antioxidants for male subfertility. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 12. Art. No.: CD007411


Wert von Laboruntersuchungen:

Da die Zeugungsfähigkeit nur in wenigen Fällen beeinflussbar und behandelbar ist, sind Blutuntersuchungen aus diesem Grunde nicht unbedingt erforderlich.

Laboruntersuchungen können einen Mangel an männlichem Hormon (Testosteron) aufdecken und Abgeschlagenheit, Leistungsschwäche oder fehlende Lebensqualität erklären.
Bei Stress, Erschöpfung & Überforderung oder bei Stimmungsauffälligkeiten gibt es zusätzliche Laboruntersuchungen: Die körpereigenen Hormone der Nebenniere, DHEA-S und Cortisol.

Wie fit bin ich?

Sehr sinnvoll ist es, sich ab ca. 35 mal den eigenen Leistungsstand zuverlässig untersuchen zu lassen. Fragen Sie uns oder lesen Sie unter

www.bestbenefit.net oder www.vorbeuge-medizin.com



© Rainer Wiedemann für das CLI 2003 –  2017

Stand: Januar 2017

Hier können Sie lesen, wie wir nach Literatur gesucht haben.

Weitere Informationen zur Evidenzbasierten Medizin erhalten Sie in unserem Buch: Wiedemann R et al. Krankmacher Lebensstil. 2005. conkom Verlag, ISBN 3-00-017436-2 http://www.conkom.de

FÜR INTERESSIERTE

Inseminationsbehandlungen an 2 oder mehr aufeinanderfolgenden Tagen sind nicht erfogreicher als die einmalige Insemination.

  • Cantineau AEP, Heineman MJ, Cohlen BJ. Single versus double intrauterine insemination (IUI) in stimulated cycles for subfertile couples (Cochrane Review). In: The Cochrane Library, Issue 2, 2003. Oxford: Update Software.

Inseminationen müssen nicht nach einem genauen Zeitintervall erfolgen. Man weiß nun, dass der Erfolg gleich hoch ist, wenn man 20 Stunden nach der Eisprung auslösenden Spritze inseminiert oder 36 Stunden danach. – Eine Erleichterung für die Patienten, die Insemination kann entspannter geplant werden.

Die Operation von Krampfadern am Hoden (Varicocelenoperation) hat keinen Einfluss auf die Schwangerschaftsraten.

  • Krause W, Muller HH, Schafer H, Weidner W. Does treatment of varicocele improve male fertility? results of the ‚Deutsche Varikozelenstudie‘, a multicentre study of 14 collaborating centres. Andrologia. 2002 Jun;34(3):164-71.
    Die 1995 begonnene Studie an 15 deutschen Zentren sollte 460 Patienten einschließen, um aussagekräftig zu sein. Aber 3 Jahre nach dem Beginn waren nicht einmal 100 Patienten gefunden worden. Die Ergebnisse von 67 randomisierten Patienten bestätigen die Aussage der Übersicht von Kroese & Evers – kein beweisbarer Nutzen.

    Kroese AC, de Lange NM, Collins J, Evers JL.
    Surgery or embolization for varicoceles in subfertile men.
    Cochrane Database Syst Rev. 2012 Oct 17;10:CD000479. 

Im Februar 2004 ist eine Leitlinie zum Vorgehen bei unerfülltem Kinderwunsch veröffentlicht worden, die 2012 überarbeitet wurde und bei www.nice.org einzusehen ist.
Der Teil, der Männer betrifft und der sehr zuverlässig ist (gekennzeichnet durch [A] wird hier nochmals dargestellt:

Die MUSS Empfehlungen für Patient wie Arzt:

  • Nicht untersuchen: – Spermaantikörper (Abwehrstoffe gegen Samen) bei Frau und Mann haben keine Bedeutung, für die Behandlung mit Cortison ist keine Wirkung hinsichtlich der Fruchtbarkeit belegt [A].
  • Nicht operieren: – Keine Operation einer Varicocele (Krampfader am Hoden) aus Gründen der Fruchtbarkeit [A].
  • Nicht behandeln: – Keine Behandlung mit Antibiotika, falls nur weiße Blutkörperchen im Samen nachweisbar sind und keine Zeichen der Infektion vorliegen [A].
  • Nicht behandeln: – Behandlungen mit Medikamenten (Tamoxifen, Clomifen, Androgene, Bromocriptin und „Kininerhöher“) haben nicht belegt, dass sie wirksam sind bei vermindertem Samenbefund oder bei männlich bedingter Kinderlosigkeit [A].

CG 11 Fertility: assessment and treatment for people with fertility problems. National Collaborating Centre for Women’s and Children’s Health. Commissioned by the National Institute for Clinical Excellence. February 2004, Update 2013


Die Behandlung mit Gonadotropinen
(Spritzen, die auch die Frauen zur Stimulationsbehandlung erhalten) ist sicherlich von allen Ansätzen mit Medikamenten am ehesten erfolgreich.

  • Darauf weist eine neue Übersicht hin, die weltweit die guten Studien gesucht hat. Es wurden nur 6 gefunden und in diesen Studien sind nicht einmal 456 Männer erfasst:
    Bei Paaren, bei denen der Mann behandelt wurde, traten innerhalb von 3 Monaten nach Behandlungsende mehr Schwangerschaften ein als bei unbehandelten Paaren.
    Attia AM, Abou-Setta AM, Al-Inany HG. Gonadotrophins for idiopathic male factor subfertility. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 8. Art. No.: CD005071

    Die Arbeit der Ulmer Gruppe wurde in diese Übersichtsarbeit bei Cochrane aufgenommen:
    Baccetti B., Piomboni P., Bruni E., Capitani S., Gambera L., Moretti E., Sterzik K., Strehler E.  Effect of follicle-stimulating hormone on sperm quality and pregnancy rate.  Asian Journal of Andrology 2004;6:133-137.

 

  • Nachteilig ist der hohe Preis der Behandlung.
  • Aber, wenn schon ein Medikament, dann dieses. Weitere Untersuchungen sind gerechtfertigt.

 

Es ist eine Übersichtsarbeit zu Samenaufbereitungstechniken erschienen.
Welche Methode ist für den jeweiligen Befund am besten geeignet?

Die weltweit guten Studien lassen keine Aussage zu, ob eine Methode besser als die andere ist (swim up oder Percollgradient etc.).

Boomsma CM, Heineman MJ, Cohlen BJ, Farquhar C. Semen preparation techniques for intrauterine insemination. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 4. Art. No.: CD004507. 

Seit 2011: Man weiß seit 10 Jahren sicher, dass Vitamine und Stoffe wie Zink, Carnitin etc. auf die Gesundheit keine positive Wirkung haben, und sogar für weltweit ca. 800.000 zusätzliche Todesfälle pro Jahr verantwortlich sind (besonders Vitamin E, B Vitamine, Selen).Bei Männern mit eingeschränkter Fruchtbarkeit scheinen sich bestimmte Substanzen positiv auf die Schwangerschaftschancen auszuwirken, so eine aktuelle Übersichtsarbeit aus der Cochrane Library 2011.Die Fakten:
1. Keinesfalls sollten alle Männer, deren Frauen sich in der Behandlung des unerfüllten Kinderwunsches befinden, unkontrolliert Vitamine oder Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, da überwiegen die Nachteile.

2. In Frage kommt die Behandlung nur bei Männern, bei denen eine Einschränkung im Spermiogramm gefunden wird.

3. Der Behandlungseffekt ist nicht sehr groß. Dies bedeutet, nur jedes 10. Paar erreicht das Ziel Schwangerschaft. Frauen von Männern, die Vitamine nehmen haben eine 4-5-mal höhere Schwangerschaftswahrscheinlichkeit, also eine höhere Chance zu den 10% der „Glücklichen“ zu gehören.

Showell MG, Mackenzie-Proctor R, Brown J, Yazdani A, Stankiewicz MT, Hart RJ. Antioxidants for male subfertility. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 12. Art. No.: CD007411